Hintergrund
Kein zweiter Fluss bestimmt das Leben von so vielen Menschen wie der gewaltige Yangtze, dessen Verlauf von West nach Ost China in fast genau zwei Hälften teilt und in dessen Einzugsgebiet etwa 400 Millionen Menschen leben
| Yangtze (Jangtsekiang) | |
| Länge: | 6.380 km |
| Quelle: | Gletschertor des Gangjajubu-Gletschers (westlicher Tangula Shan) |
| Quellhöhe: | 5.405 m ü. NN |
| Mündung: | Nördlich von Shanghai in das Ostchinesische Meer |
| Mündungshöhe: | 0 m ü. NN |
| Höhenunterschied: | 5.405 m |
| Einzugsgebiet: | 1.808.000 km2 |
| Einwohner im Einzugsgebiet: | 400 Mio. |
| Schiffbar: | 2.800 km (Shanghai bis Panzhihua) |
Seit Jahrtausenden beeinflusst der Fluss die Wirtschaft, den Verkehr und die Landwirtschaft, aber auch die Kultur Chinas. Dabei war der Yangtze zugleich auch immer Fluch und Segen für das Land. Ähnlich wie dies am Nil der Fall ist, hat sein sedimentreiches Wasser den angrenzenden Agrarregionen durch Überschwemmungen zu hoher Fruchtbarkeit verholfen.
Aber die für die Landwirtschaft wichtigen Überflutungen haben allein im 20. Jahrhundert auch 320.000 Menschenleben gefordert. Derartige Ereignisse sind keineswegs ein Phänomen nur der Neuzeit. Erbgutanalysen zeigen, dass gewaltige Überschwemmungen des Yangtze vor 6.000 Jahren zur Besiedlung Taiwans vom chinesischen Festland aus geführt haben.
Bei der derzeit rasanten Entwicklung Chinas kommen auf den Yangtze und seine Ökosysteme enorme Herausforderungen zu. Die größte Nation der Welt mit über 1,3 Mrd. Menschen muss mit Nahrung, sauberem Wasser und Energie versorgt werden. Zwischen dem entwickelten Osten und einem Westen mit teilweise gewaltigem Nachholbedarf besteht ein großes Wohlstandsgefälle. Millionen Menschen ziehen im Rahmen der urbanen Wende vom Land in die Städte, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen und um am wachsenden Reichtum teil zu haben.
Der Yangtze nimmt bei der Lösung all dieser Probleme eine zentrale Rolle ein:
- Der weitere Ausbau als Wasserstraße soll die Entwicklung des chinesischen Westens beschleunigen.
- Für den Großteil der Menschen in seinem Einzugsgebiet dient der Yangtze gleichzeitig als Trinkwasserressource und zur Abwasserbeseitigung.
- Zahlreiche Staudämme mit Wasserkraftwerken sollen zur Deckung des steigenden Energiebedarfs beitragen.
- Millionen Menschen erhoffen sich bessere Verdienstmöglichkeiten in neuen Industrien und ziehen aus dem umgebenden Land in die schnell wachsenden Städte an seinen Ufern.
Auf den über 6.300 Kilometern von den Quellen im tibetanischen Hochplateau bis zur Mündung in das Ost-Chinesische Meer ist der Yangtze Schauplatz gewaltiger Veränderungen und Ziel verschiedenster Eingriffe in seinen natürlichen Lauf. Einen der schwerwiegendsten Eingriffe des Menschen in die Natur stellt der kurz vor der Fertigstellung stehende Staudamm am Ausgang der weltberühmten "Drei Schluchten" dar. Diese liegen am Mittellauf des Yangtze und erstrecken sich über eine Länge von insgesamt 193 km.
Unter geologischen und topographischen Gesichtspunkten wurde dieser Bereich von den Verantwortlichen in China schon lange als der am besten geeignete Ort für die Errichtung des Staudamms angesehen. Erste konkrete Planungen gehen auf die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Aber erst im Jahr 1993 fiel nach sehr kontroversen innerchinesischen Diskussionen die endgültige Entscheidung zum Bau des gewaltigen Staudamms. Dieser wird voraussichtlich im Jahr 2009 komplett fertig gestellt sein und dann auch die endgültige Stauhöhe im Staubereich ermöglichen.
Die chinesische Staatsführung verfolgt mit dem Staudammprojekt vier wesentliche Ziele:
- Vermeidung von Überflutungen
- Sicherung der Wasserversorgung
- Förderung der Schifffahrt und
- Erzeugung von elektrischer Energie.
Die dramatischen Überschwemmungen des Yangtze sollen durch ein Staudammsystem, dessen zentrales Element der
Drei-Schluchten-Staudamm ist, vermieden werden.
Der Yangtze versorgt den Großteil der in seinem Einzugsgebiet lebenden Menschen mit (Trink-)Wasser. Gleichzeitig soll ein aufwändiges Leitungssystem den Norden mit Wasser versorgen und neue landwirtschaftliche Flächen erschließen.
Um den steigenden Energiehunger der Nation zu stillen, werden zahlreiche Wasserkraftwerke am Yangtze installiert. Bis zum Jahr 2020 steigt der prognostizierte Energieverbrauch in China um ca. 80 %. Der Großteil des Bedarfs soll wie bisher aus fossilen Brennstoffen gedeckt werden.
Der Dreischluchten-Staudamm ist das bei weitem größte unter den neuen Wasserkraftwerken. Seine installierte Leistung entspricht etwa derjenigen etwa derjenigen von mehr als zehn Kernkraftwerken.
Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde lokal so massiv in die Umwelt eingegriffen. Die Auswirkungen sind noch nicht vollständig verstanden und noch bestehen Möglichkeiten, Steuerungsmechanismen für die Zukunft zu entwickeln. Als Beispiele für die aktuellen und zukünftigen Auswirkungen des Dreischluchten-Staudamm-Projekts auf das Ökosystem und die Atmosphäre im Stauseegebiet seien genannt:
- Wie wirken sich geänderte Fließgeschwindigkeiten des Flusses aus?
- Kommt es zur vermehrten Ablagerung von Schwebstoffen (Sedimentation), Versandung?
- Wie kann man Erdrutsche und Erosionserscheinungen frühzeitig erkennen? Wie lässt sich ihren Auswirkungen vorbeugen?
- Welche Überlebensstrategien entwickeln Pflanzen, um Wasserspiegelschwankungen von bis zu 30 m zu überstehen?
- Wie gehen sie mit einer Sedimentüberdeckung und mit den Schadstoffen im Wasser um?
- Was passiert unter diesen Bedingungen mit Schadstoffen in Wasser und Sediment?
- Wie kann generell zu einer nachhaltigen Nutzung der Ressource Wasser beigetragen werden?
- ....
Der punktuell in Chongqing starke Bevölkerungszuwachs bürdet der Umwelt hohe Belastungen auf und stellt extreme Anforderungen an die natürlichen Ressourcen:
- Wie kann die Trinkwasserqualität überwacht und verbessert werden?
- Wie kann die Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesichert werden?
- Wie kann die Luftqualität überwacht und verbessert werden?
- Welche Beiträge kann die örtliche Landwirtschaft zur Ernährung leisten?
- Wie kann zu einer nachhaltigen Entwicklung der Stadt beigetragen werden?
- ....
Neben dem reinen Erkenntnisgewinn, dem "Wissen schaffen", soll im Yangtze-Projekt die Entwicklung von Handlungsanweisungen stärker in den Vordergrund treten, um den Weg von der nachsorgenden Technik hin zu wirklichen Vorsorgemaßnahmen zu gehen. Diese können später dann auch auf ähnliche Problemfelder übertragen werden.
In einem ersten Ansatz sollen daher Fragestellungen in den Projektbereichen
- Wechselwirkungen Schadstoff / Wasser / Sediment
- Vegetation
- Erosion und Hangrutschungen
- Atmosphäre
letzte Änderung 5.09.2010 | Dr. Günter Subklew |Impressum |Ausdrucken
